Rundlingsverein
Verein zur Förderung des
Wendlandhofes Lübeln
und der Rundlinge e.V.

 

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Rundlinge im Wendland
UNESCO-Weltkulturerbe
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Rundlinge                    
 


Rundlinge - Runde Dörfer im Wendland

 

Rundlinge" sind kleine rundliche Dörfer mit einem speziellen Grundriss und weiteren Merkmalen. Die Gebäude stehen mit ihrem Giebel zu einem runden oder ovalen Dorfplatz. Es handelt sich um eine Dorfform, die nur in einem kleinen Bereich von Nord-Deutschland, dort aber in großer Zahl, zu finden ist. Das Wendland, der Landkreis Lüchow-Dannenberg, liegt im Osten von Niedersachsen, etwa in der Mitte von Berlin, Hamburg und Hannover.  Ursprünglich gab es Rundlinge in einer großen Region.
Aber im Laufe der Jahrhunderte wurden sie außerhalb des Wendlands fast überall umgeformt, so dass sie nur noch aus historischen Dokumenten als Rundlingsdorf nachzuweisen und heute nur mit viel Fantasie als solche zu erkennen sind.  Im Wendland dagegen überlebte diese Dorfform die Jahrhunderte.


Rundling Mammoißel

Die Geschichte und Herkunft der Rundlinge

Es gibt keine zeitgenössischen historischen Aufzeichnungen über die Gründung der Rundling, aber in den letzten Jahrzehnten sind die Historiker zu dem Konsens gelangt, dass die Rundlinge im 12. Jahrhundert als neue Siedlungen gegründet wurden und zwar in einem relativ kurzen Zeitraum und nach einem Konzept des damaligen germanischen / deutschen Adels. Nach der fundierten Theorie von Professor Dr. Wolfgang Meibeyer fanden die gezielten Neugründungen in einem bis dahin dünn besiedelten Raum statt, in dem aber schon slawische Stämme ansässig waren. Auch die Neusiedler waren Slawen (= Wenden). Ob sie angeworben wurden, durch freiwillige Entscheidung kamen oder nach kriegerischen Handlungen zwangsumgesiedelt wurden, ist nicht belegt. Urkundlich werden von Slawen bewohnten Dörfer (villae slavica) lediglich erwähnt.

Die folgenden Jahrhunderte zeigen im gesamten Rundlingsgebiet ein friedfertiges Nebeneinander von deutscher Bevölkerung, vorwiegend in den Städten, und Slawen in den Dörfern. Dies führt schließlich zu einer Assimilation und Auflösung der Slawen als separate ethnische Gruppe mit eigener Sprache. Eine kleinräumige Ausnahme besteht außerhalb des Rundlingsgebiets in der Lausitz mit der sorbischen Sprache.

"Wendisch" oder "dravänopolabisch", eine slawische Sprache, die in der Region um Lüchow und Dannenberg gesprochen wurde, blieb hier bis ins 18. Jahrhundert lebendig. Die schriftlichen Überlieferungen aus der Zeit um 1725 in der Chronik von Johann Parum Schultze aus dem Dorfe Süthen dokumentieren den Verlust der wendischen Sprache. Spuren sind in zahlreichen Orts- und Gemarkungsbezeichnungen sowie in Familiennamen zu finden. Die Bezeichnung „Wendland“ taucht in Schriften des 17. Jahrhunderts erstmals auf und wird dort auf die Region bezogen, die heute in etwa dem Landkreis Lüchow-Dannenberg entspricht (ein wenig darüber hinaus in Richtung Lüneburg und Uelzen).
 

 

 


Dr. Wolfgang Meibeyer,
Rundlinge und andere Dörfer
im Wendland
ISBN 3-925861-21-1

 

Sind Rundlinge slawisch oder Deutsch?"

Rundlinge" sind somit eng mit der Existenz der slawischen Volksgruppe der Wenden verbunden, aber sie scheinen eine deutsche Entwicklung. Es gibt keinen Beleg dafür, dass die runde Form der Siedlungen im wesentlichen slawischen Ursprungs wäre, wie man lange angenommen hat. Sie entstanden während der Ostkolonisation in der Mitte des 12. Jahrhunderts unter Heinrich dem Löwen.
Unter der Kontrolle des deutschen Adels wurden in einem großen Gebiet neue Siedlungen nach einheitlichem Muster gegründet. Es wurden jeweils 3 bis 11 Hofgebäude um einen zentralen Dorfplatz in Form eines Hufeisens oder eines Teilrunds mit breiter Öffnung zu den Feldern aufgebaut, also zunächst nicht als geschlossenes Rund. Alle Höfe erhielten die gleiche Grundfläche und zur Bewirtschaftung in der Feldmark den gleichen Anteil an Fläche von jeder Bodengüte. Nur dem Hof gegenüber dem Ortseingang wurde zusätzliches Land zugeteilt (Güsteneitz). Hier siedelte der „Schulze“ mit der Funktion eines Ortsvorstehers.

 

Wie sehen Rundlinge aus?

Die zunächst sehr kleinen Siedlungen lagen abseits der Verkehrswege, um einen offenen zentralen Dorfplatz und ohne öffentliche Durchfahrt, also als Sackgasse. Die wenigen Höfe bewirtschafteten eine kleine Gemarkung, an die sich schon das Land des nächsten Dorfes anschloss. Wo immer es zwar karges aber bewirtschaftbares Land gab, wurden kleine Siedlungen in geringer Entfernung voneinander gegründet. Dieses Siedlungsmuster hat sich in der Region Lüchow-Dannenberg bis heute weitgehend erhalten. Zwar wurden im Laufe der Jahrhunderte manche Orte wegen Seuchen, Krieg oder ähnlich katastrophalen Ereignissen aufgegeben (etwa 110 „Wüstungen“ sind bekannt), aber bis heute gibt es mehr als 300 Wohnplätze mit eigenem historischen Ortsnamen. Das Dorf ist in der Regel eingebettet in eine typische Topografie am Übergangssaum zwischen feuchten, grundwassernahen Fluss- oder Bachniederungen und der höher gelegenen leicht hügeligen Geest mit trockenen, sandig-lehmigen Böden.
Der Dorfzugang komm in der Regel von der höheren Ackerflur. Die Höfe reichen rückwärtig bis ins feuchte Grünland.

 

 


Lübeln

 

Die runde Form kam erst nach dem 12. Jahrhundert

Die ursprüngliche Form des Rundlinge war halbkreisförmig mit Abstand zwischen den Hofgebäuden. In den folgenden Jahrhunderten des späten Mittelalters wuchs die Bevölkerungszahl und es wurden Höfe geteilt und weitere Höfe am bis dahin breiten Dorfeingang angesiedelt. Dabei lässt sich aufgrund von Lehensregistern die Phase der Hofteilungen im 15. Jahrhundert datieren.
Durch die Teilung der vorher gleich großen Höfe (incl Ländereien „Hufe“ genannt) entstanden halbe und viertel Hufen. Die Bebauung des Dorfes mit Hofgebäuden wurde verdichtet und es entstand ein vollständiges Rund (oval oder kreisrund) mit einem einheitlichen Stil von Bauernhäusern (hier Niederdeutsche Hallenhäuser), die alle mit ihrem Giebel zum gemeinsamen Dorfplatz zeigen. Die einzige Dorfzufahrt wurde dabei sehr eingeengt. Die Teilung der Höfe scheint nicht wegen Vererbung an mehrere Hofnachfolger geschehen zu sein, sondern aufgrund von Anweisungen der Lehnsherren. In der spätmittelalterlichen Gesellschaft waren die Bauern in dieser Region nicht Leibeigene von Großgutsbesitzern, aber sie waren den adligen Gütern lehnspflichtig (abgaben- und dienstpflichtig). Im Interesse der Lehnsherren lag es, eine größere Anzahl von pflichtigen Bauern zu haben und sie konnten die Anweisung geben, einen Hof zu teilen.
So entwickelten sich bis ins 18. Jahrhundert die Rundlinge mit Unterschieden in Größe und Bebauungsdichte, aber nach einem einheitlichen Konzept. An diesem Konzept wurde lange festgehalten, auch wenn ganze Dörfer abbrannten und zum Wiederaufbau ein anderer Dorfgrundriss möglich gewesen wäre.

 


Bussau

 

 

Keine Kirchen im Rundling

Ein weiteres Kennzeichen dieser Dörfer, das auf das Mittelalter zurückgeht, ist die außerhalb des Rundlings stehende Kirche. Mehrere Dörfer teilen sich eine Kirche, aber nie steht sie im Rundling. Eine Erklärung wird in der späten Christianisierung gesehen. Dazu heißt es, dass die missionierenden Mönche kamen, als die Rundlinge schon bestanden. Die Bauern waren zwar bereit, eine Kirche (kleine Kapelle) zu bauen, aber mit Distanz zu ihrem Dorf. Genauso verlief es später mit Schulgebäuden, Gaststätten, Kaufläden oder größeren Werkstätten und Gewerbebetrieben. Das Dorfrund behielt sein einheitlichen Bild der schmuckvollen Giebel der Niederdeutschen Halfenhäuser, andersartige Gebäude waren im Rund anscheinend nicht erwünscht. Allerdings gab es auf dem Dorfplatz ein kleines Versammlungsgebäude, den „Burstawen“.

 

 


Krummasel

Der Rundling und das Niederdeutsche Hallenhaus

Die Dorfstruktur der Rundlinge einerseits und die dort stehen Bauernhäuser andererseits (Grundriss und Aufriss) sind als zwei getrennte Entwicklungen zu betrachten. Das harmonische Zusammenspiel beider Konzepte macht die Rundlinge im Wendland so attraktiv.

Der Bauernhaustyp “Niederdeutsches Hallenhaus“ entstand in der norddeutschen Tiefebene von den Niederlanden bis Polen, jedoch nach Süden begrenzt durch eine Linie Dortmund-Braunschweig-Stettin. Das Gebiet der Rundlingsgründungen zieht sich dagegen vom westlichen Teil der Ostsee in einem breiten Streifen links und rechts der Elbe nach Süden bis Böhmen. Beide Verbreitungsgebiete überschneiden sich ohne deckungsgleich zu sein.
Das "Niederdeutsche Hallenhaus", ein „Alles-unter-einem-Dach-Gebäude“ von beträchtlicher Größe, beherbergte nicht nur den Bauern und seine Familie, sondern auch sein Vieh, die Futtervorräte und Arbeitsgeräte. Allerdings gab es auf dem Hof Nebengebäude wie Scheune, kleiner Schweinestall, Backhaus und andere. Typischerweise ist das Hallenhaus mit Stall und Wirtschaftsdiele zum Dorfplatz gerichtet, während auf der Rückseite der Wohnbereich zum Hof und Garten blickt.
Die keilförmigen Hofgrundstücke ergeben um den Dorfplatz geordnet ein Bild von Tortenstücken oder Kreissektoren. Die Teilung der Grundstücke hat in den meisten Fällen zu einer gleichmäßigen Verkleinerung der Tortenstücke und Verdoppelung ihrer Anzahl geführt.
Aber in vielen Rundlingen verlief die Entwicklung nicht gleichförmig. Es entstanden unterschiedlich große Höfe und manche zusätzlichen Gebäude wurden etwas in den Dorfplatz vorgezogen und andere nach hinten zurückversetzt. Jedenfalls wurde die Bebauung dichter.
Bei allen Variationen wurde aber darauf geachtet, dass die Gesamtstruktur des Dorfes mit dem zentralen Platz erhalten blieb und über viele Jahrhunderte (bis Ende des 19. Jahrhunderts) wurden ausschließlich Hallenhäuser um den Platz gruppiert und immer mit dem Wirtschaftsgiebel zum Platz gerichtet. Bei aller Regelmäßigkeit erhielt doch jedes Dorf ein individuelles Bild, eine kreisrunde oder eine ovale Form oder andere Variationen.

Auch die Hallenhäusern haben trotz sehr gleichförmiger Architektur jeweils ein individuelles Gesicht. Bei genauer Betrachtung gleicht keines einem anderen. Oberflächlich betrachtet sind sie alle ähnlich, mit einem großen zentralen hoch und breit geschwungenen Einfahrtstor in der Mitte und zwei kleinen Stalltüren an den Seiten. Sie haben eine kunstvolle Fachwerkfassade mit eingeschnitzten und farbig bemalten Dekorationen. Dabei tragen die langen Balken religiöse Sprüche, der Torbalken die Namen der Erbauer und das Baujahr und die Torständer sind mit Blumenornamenten geschmückt.

Es gibt drei Arten von Niederdeutschen Hallenhäusern und diese Typen sind im Wendland noch in beträchtlicher Anzahl vorhanden.

 

 


Weitsche

 


Dolgow

Die drei Typen vom Niederdeutschen Hallenhaus
Zwei-, Drei- und Vierständerhäuser

Keines dieser Häuser steht nur auf zwei, drei oder vier Ständern / Pfosten. Diese Einteilung bezieht sich lediglich auf die Anzahl der Ständer, die einen Dachbalken tragen, auf dessen Enden wiederum die Sparren stehen. Wenn ein solches Grundelement („Gebinde“), bestehend aus Sparren, Balken und Ständern nur zwei Ständer enthält, spricht man von einem Zweiständerhaus. Bis zu 14 Grundelemente stehen hintereinander über die Länge des Hauses und bilden das Grundgerüst für das Gebäude. Somit ergeben sich zwei Ständerreihen, die die Dachbalken tragen und gleichzeitig als Gerüst für die Seitenwände der Diele / Halle genutzt werden. Beim Zweiständerhaus wird das Dach über die tragenden Balken hinaus nach unten verlängert und es werden zwei niedrige Außenwände angefügt, die aber das Dach nicht tragen. Dadurch entstehen links und rechts neben der Diele niedrige Räume, die vornehmlich als Stall für Kühe und Pferde dienen.

Das Dreiständerhaus hat im Wesentlichen die gleiche Konstruktion. Aber es wird eine zusätzliche Ständerreihe angefügt, die gleichzeitig eine Außenwand bildet, die nun deutlich höher ist, als die andere Außenwand. Das Haus wirkt von außen etwas asymmetrisch. Das große Dielentor steht in der Mitte der Grundlinie des Giebels, aber gegenüber dem Dachfirst / der Giebelspitz versetzt. (Die Giebelspitze ist nicht über der Mitte der Grundlinie.)
Das Dreiständerhaus ist im Verbreitungsgebiet des Niederdeutschen Hallenhauses selten, aber im Wendland vergleichsweise häufig.

Das Vierständerhaus ergibt sich nun plausibel, wenn eine vierte Ständerreihe auf der anderen Seite des Hauses die Außenwand bildet. Bei voller Symmetrie haben beide Außenwände die gleiche Höhe. (Jedes Grundelement der Gesamtkonstruktion besteht aus vier Ständern, einem waagerechten Balken und zwei schrägen Dachsparren.)

 


Zweiständerhaus in Trebel


Dreiständerhaus in Rehbeck


Vierständerhaus in Meuchefitz

 

 

 

 


Mammoißel

 


Zebelin

 


Dünsche


Jabel

Warum Rundlinge nur im Wendland?

Wo auch immer in der Welt runde Dörfer existieren, unterscheiden sie sich grundlegend von den Rundlingen im Wendland. Der Begriff Rundling wurde schon im 19. Jahrhundert benutzt, kreiert zur Unterscheidung von anderen runden Dörfern. Weil die Rundlinge signifikante Merkmale haben, die anderswo nicht zu finden sind, wurde diese Bezeichnung von damaligen wissenschaftlichen Forschungsreisenden speziell für die Dörfer im Wendland definiert. Insofern gibt es sie also eigentlich per Definitionem nur hier.

Wenn wir dennoch von einem großen Verbreitungsgebiet der Rundlinge im Mittelalter sprechen, beziehen wir dabei den Begriff auf die Ursprungsform der Gründungsphase im Mittelalter. Bis ins 18. / 19. Jahrhundert entwickelte sich diese Dorfform jedoch nur im Wendland in der beschriebenen Weise, so dass die in Grundriss und Aufriss prägnante Dorfstruktur in dieser Ausprägung nur im Wendland existierte, als der Begriff gebildet wurde. Es bleibt aber die Frage, warum die Dörfer im Wendland sich so und nicht anders entwickelten und auch noch bis ins 21. Jahrhundert erhalten blieben.

Als Antwort werden einige Argumente angeführt, die plausibel klingen, aber letztlich doch Spekulation bleiben. Die Region lag in allen Zeiten entfernt von den sich entwickelnden Zentren der kirchlichen und weltlichen Macht, entfernt von Handelszentren und Handelswegen, entfernt von Klöstern und Bischofsstädten, bis heute entfernt von Großstädten. Auch die Industrialisierung ging wegen der weiten Wege an der Region vorbei. Fast immer lag das Wendland an der Grenze eines politischen Machtbereichs. Des Weiteren wird oft angeführt, das Wendland wäre immer eine arme Gegend gewesen. Dem steht aber entgegen, das die Bevölkerungsdichte hier im Vergleich zu Nachbargebieten (alle anderen Lüneburgischen „Ämter“) am höchsten war. Die Landwirtschaft war durch Boden- und Wasserverhältnisse im Wendland begünstigt und somit konnte ein gewisser Wohlstand erwirtschaftet werden. Dafür spricht auch die geringe Zahl von Auswanderern nach Amerika im 19. Jahrhundert.

Im Süden und Osten des Wendlands (Preußische Altmark) wurde schon im 18. Jahrhundert wegen der Brandgefahr der Neubau von Hallenhäusern verboten und für eine Trennung von Wohnhaus und Wirtschaftsgebäuden und damit auch für eine Auflösung der engen Dorfstruktur gesorgt. Auch im Königreich Hannover drängten Obrigkeit und Feuerversicherungen nach Großfeuern auf eine Umstrukturierung der Dorfanlage. Dies gelang in anderen Regionen und auch bei einigen Dörfern im Wendland, besonders im nördlichen Bereich, aber viele wendländische Dorfgemeinschaften waren gegenüber solchen Modernisierungen lange resistent. So wurden bis Mitte des 19. Jahrhunderts Rundlinge als solche wieder aufgebaut lediglich mit kleinen Kompromissen bezüglich Abstand der Häuser und vielleicht Aussiedlung einzelner Höfe. Auf jeden Fall hielt man aber bis zum Ende jenes Jahrhunderts am Bau von Hallenhäusern fest.

In den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg, einer Zeit der allgemeinen Prosperität, wächst auch im Wendland der Wohlstand und ein wenig Industrie. In dieser Zeit finden wir in den Rundlingen einzelne Bauernwohnhäuser im Stil der Zeit, teils weiterhin mit Fachwerk, aber auch in prunkvoller Backsteinbauweise der Gründerzeit. Diese Gebäude, die keinen Wirtschaftsgiebel mehr zum Rundlingplatz zeigen, bleiben aber Ausnahmen. Es mag an geringen finanziellen Möglichkeiten liegen, dass viele Bauern ihre in die Jahre gekommenen Hallenhäuser lieber restaurierten, vielleicht marodes Fachwerk hier oder da durch massives Mauerwerk ersetzten, statt einen Neubau zu errichten. Jedenfalls überstehen viele Rundlinge nahezu unversehrt auch diese Zeit und die dann noch folgenden, besonders konservativen Jahrzehnte bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Alle kurz beschriebenen Argumente sind für eine vollständige Antwort nicht ganz befriedigend, weil gerade die Ausnahmen zeigen, dass eine Auflösung der Rundlingsstruktur spätestens im 19. Jahrhundert möglich und eigentlich naheliegend war. Deshalb muss die soziale Komponente den Ausschlag geben. Die Dorfbevölkerung wollte ihr Wohn- und Arbeitsumfeld so gestalten (und gestaltet behalten), wie es nur die spezielle Form des Rundlings und seiner Hallenhäuser möglich macht. Trotz aller Nachteile, auch in der Enge des sozialen Zusammenlebens und den sicherlich häufigen „gruppendynamischen Prozessen“, muss dass hier mögliche Gemeinschaftsgefühl stärker gewesen sein, als der Drang nach Privatsphäre und individuellen Entwicklungsmöglichkeiten.

Einzelne Teilgebiete des Wendlands weisen bei allen Prozessen Unterschiede auf, die nicht ganz vernachlässigbar sind. Aufgrund der allgemeinen Diskriminierung wendisch-slawischer Relikte (Sprache, „Aberglaube“, etc.) im 17. und 18. Jahrhundert erfolgte das Leugnen oder Lossagen von der wendischen Herkunft und Abstammung auch in Teilen des Wendlands. Es fand entlang der Elbe und im Südwesten der Region deutlicher statt, so dass man sich dort im Laufe des 19. Jahrhunderts nicht mehr zum Wendland gezählt wissen wollte, während man im übrigen Teil der Region weiterhin mit Stolz auf die Vergangenheit blickte. Das Im-Rundling-Wohnen galt als besondere wendische Eigenart, weil man allgemein (fälschlich) annahm, diese Siedlungsform sei von den Slawen mitgebracht worden. Somit war man in Teilbereichen eher bereit, die Dorfstruktur umzugestalten. Deshalb sind heute die auffällig gut erhaltenen Rundlinge ungleich in der Region verteilt.

 

Entwicklung nach 1945

Nach 1945 wirken weitere Faktoren auf die Rundlinge.
Mit der Flüchtlingswelle kamen 1945 andere Menschen in großer Zahl in die Dörfer.
Die erneute Grenzlage, gravierender als je zuvor, verstärkte das Abseits der Region.
Das westdeutsche Wirtschaftswunder der 1950er Jahre ermöglichte wirtschaftliche Förderung des entlegenen Gebiets.
Die technische Entwicklung in der Landwirtschaft stellte neue Anforderung an die Wirtschaftsgebäude.
Die Aufgabe vieler kleiner Höfe zu Gunsten großer wachsender Betriebe führte zu Leerstand von nicht mehr zeitgemäß nutzbaren Hallenhäusern. Diese drohten zu verfallen oder wurden durch reine Wohnhäuser ersetzt.

Die Tendenz wird in den 1960er Jahren von manchen Wendländern, aber jetzt besonders auch von „Obrigkeiten“ und Wissenschaftlern als erschreckend und bedauerlich betrachtet. Die Verbindung der wirtschaftlichen Interessen mit dem Traditionsbewusstsein der ansässigen Bevölkerung und zusätzlich mit dem Anliegen denkmalorientierter Wissenschaftler führte Landes- und Kommunalpolitiker, Regionalplaner, Heimatforscher und Wissenschaftler zusammen, um gemeinsam Kräfte für den Erhalt der Siedlungsform der Rundlinge im Wendland einzusetzen.

Bei der Gründung des Vereins zur Erhaltung von Rundlingen im Hannoverschen Wendland e.V. 1969 wurden in den ersten Vorstand sowohl Persönlichkeiten aus der Region als auch Wissenschaftler und Amtsträger aus Hamburg, Braunschweig, Lüneburg und Hannover gewählt. Das überregionale Interesse an der Erhaltung dieser Siedlungsform ermöglichte in den folgenden Jahrzehnten, das erhebliche finanzielle Mittel zur Dorferneuerung, zur Gründung eines Museums, für Forschung und Öffentlichkeitsarbeit investiert werden konnten. Ein entscheidender Faktor für den Erfolg waren die zahlreichen Liebhaber alter Gebäude, die vornehmlich aus Berlin aber auch aus der ganzen Bundesrepublik kamen und die leer stehenden Höfe aufkauften. Sie setzten ihr außerhalb des Wendlands erwirtschaftetes Kapital mit Engagement und Gefühl für die Restaurierung der alten Bausubstanz ein.

Es war den Akteuren klar, dass die Nutzung der historischen Bauernhäuser durch lauter kleine Landwirte keine Zukunft hatte. Deshalb hoffte man auf Menschen mit Kreativität, Fantasie und Unternehmungslust, die eine neue Nutzung für die Gebäude finden und das Vorhandene mit behutsamer Renovierung in Besitz nehmen würden. Mehrere Trends trugen dazu bei, dass die Hoffnung aufging und dem behördlichen Denkmalschutz gelang es, die Kreativität der neuen Eigentümer von schützenswerten Objekten auf das Gefühl für die erhaltenswerte Substanz zu lenken. So entstand in diesen Dörfern eine hochdifferenzierte Sozialstruktur von Menschen, die entweder hier blieben oder hier herkamen, weil sie in diese Art zu wohnen und zu leben ihre Lebensqualität finden.

 

 


Gühlitz

 


Göttien

 


Süthen

 

Kulturerbe Rundlinge im Wendland

Im Wendland wissen wir von mehr als 200 Dörfern, die eindeutig auf den "Verkopplungskarten" in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch als Rundlinge dargestellt werden. Derzeit gehen wir davon aus, dass etwa 80 Dörfer im Wendland auch mit ungeschultem Blick und ohne historische Forschung heute noch als Rundlinge erkennbar sind. Viele dieser Dörfer weisen zwar größere Lücken im Rundlingscharakter auf, enthalten aber besonders sehenswerte historische Hallenhäuser.
Von den Dörfern, die ihren Rundlingscharakter weitgehend unversehrt behalten haben, werden 15 in der Bewerbung um die Anerkennung der Rundlingslandschaft als UNESCO-Weltkulturerbe als Beispiele genannt und beschrieben.
Die Samtgemeinde Lüchow (Wendland) war mit dieser Bewerbung auf der Landesebene Niedersachsen erfolgreich (2012), so dass die Rundlinge 2013 vom nationalen Gremium mit anderen Bewerbungen aus Deutschland verglichen werden und gute Chance haben, dem internationalen Gremium der UNESCO empfohlen zu werden.

Der Rundlingsverein, der lange die Erhaltung dieser einzigartigen Dörfer für die Nachwelt unterstützt hat, richtet seinen Arbeitsschwerpunkt jetzt auf die Untermauerung und auf die internationale Publizität dieses Anliegens. Wir sind uns bewusst, dass die Anerkennung als UNESCO-Weltkulturerbe ein zwar hochgestecktes, aber durchaus berechtigtes Ziel ist. Denn in dieser einzigartigen Siedlungslandschaft pulsiert modernes Leben unter Bewahrung von Tradition und historischer Substanz.

Der Rundlingsverein führt eine systematische Bestandsaufnahme der 200 bestehenden und ehemaligen Rundlinge durch. Dieses Projekt ist auf zwei Jahre angelegt, um detaillierte Informationen über die aktuelle Situation, den vorhandenen Gebäudebestand und über die Zukunftsaussichten und Probleme zu sammeln. Damit wird der Verein eine umfassende Analyse vorlegen, auf deren Grundlage Maßnahmen für die weitere Erhaltung und die zukünftige Gestaltung diskutiert werden können.


Breese i. Br.

 


Lüsen

 

   

Ilka Burkhardt-Liebig
Burghard Kulow
November 2012

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